Gazastreifen

Aus einem Bericht von Michaela Fried:

Gandhi sagt: Auge um Auge - und die ganze Welt ist blind. Nirgendwo habe ich die blindmachende Gewalt deutlicher Gesehen als im Gazastreifen. Gewalt durch die ständige Unterdrückung von außen (durch die israelische Besatzung) und gewalttätige Konflikte im Inneren des Landes (durch die Hamas), unter der die Zivilbevölkerung zu leiden hat. Arbeitslose Familienväter, beengte Wohnverhältnisse, Armut, zu wenig Trinkwasser und durch Stromknappheit verdorbene Nahrung machen ein Leben in Würde unmöglich. Die Folge davon ist Gewalt im ganzen Land, die sich täglich, stündlich an einem Funken entzündet. Gewalt, die sich aus dem makro-politischen System in das System Schule fortsetzt  und in der Familie, der kleinsten politischen Einheit, nicht Halt macht. Lehrer in öffentlichen Schulen sind nicht motiviert, die Gewaltspirale zu durchbrechen, weil auch sie nicht bezahlt werden, weil auch sie traumatisiert sind durch Armut und Gewalt. Im Gaza gibt es aber auch einige von europäischen Ländern unterstützte Privatschulen, deren etwas besser bezahlte Lehrer wollen, dass ihre Schule den Kindern ein wenig das Gefühl eines sicheren Ortes vermittelt; auf ihrer Schulfahne soll stehen: Das ist ein gewaltfreier Ort! Immerhin werden 20 Prozent aller Kinder im Gaza an solchen Schulen unterrichtet, in Zahlen sind das etwa 80 000 Kinder. Seit zwei Jahren arbeiten wir mit Schulleitungen und Lehrpersonen dieser Schulen. Wir bieten Schulungen und Trainings für die Lehrpersonen und Eltern dieser Schüler_innen an, in denen gewaltfreie Kommunikation gelernt wird und Eltern und Lehrpersonen lernen, aus ihrer Hilflosigkeit zu kommen, selbstkontrollierte Präsenz zu zeigen, Wiedergutmachungs- und Beziehungsgesten zu setzen und gemeinsam ein gewaltloses Bündnis um das Kind zu schließen.
In einem nächsten Schritt wollen wir im Gaza Lehrpersonen zu Trainern ausbilden, die als Multiplikatoren beginnen, die Idee des Gewaltlosen Widerstandes von der Schule in die Familie zu tragen. Unter Anpassung und Berücksichtigung kulturspezifischer Besonderheiten soll es den Teilnehmer_innen unserer Trainings im Gaza gelingen, die Väter zu gewinnen und Kinder bei Wiedergutmachungen zu begleiten, anstatt sie zuhause oder vor der Klasse halb tot zu prügeln. Aussteigen aus der Gewalt bedeutet für diese Väter, ein Stück ihrer Würde zurück zu bekommen.

 

Dr. Tawahina: „Aussteigen aus der Gewalt bedeutet für die Menschen hier ein Stück Würde zurück zu bekommen, in einem Land, in dem Gewalt über Generationen vererbt wurde, Gewalt unter der besonders Frauen und Kinder leiden. Die Erfolge unserer gemeinsamen Arbeit zeigen sich schon in einer kleinen (aber beachtlichen) Anzahl von Einzelfamilien und in ein paar Schulklassen. Wenn wir es mit dieser Methode schaffen, über die Schule und die Familie die Spirale der Gewalt in unseren Gemeinden zu reduzieren, wäre das ein großes Geschenk an diese Region des mittleren Ostens. Die tägliche Sorge um genug zu Essen, Arbeit, Geld für den Schulbesuch und die Bildung unserer Kinder hier in unserer kleinen Welt - im größten Freiluftgefängnis dieses Planeten - wird dadurch nicht besser werden. Ich weiß nicht, ob und wann ich bei den nächsten Anschlägen sterben werde, wie meine Nachbarn. Aber mich verändert der Ansatz des Gewaltfreien Widerstandes, indem ich unser zuhause zumindest von innen zu einem sicheren Ort mache!“